mo diener zeigt ihren Video
light steps
im Rahmen der Ausstellung neu und verbessert #5, Klodin Erb und Eliane Ruthishauser

Samstag 05.07.03 ab 21 Uhr
Die Bar ist geöffnet ab 19.30 Uhr, Klodine Erb und Eliane Ruthishauser fotografieren Gäste!

 

   

Mo Diener
«Light Steps», Juli 2000
Video von 5 Minuten 37 Sekunden, Farbe, Ton


Im "Südafrika-Museum" in Capetown stiess Mo Diener in einer nachgestellten Szene mit Xhosa,
den Bewohner/innen der Caperegion, auf ein Kleid aus hellem Tuch von würdevoller Ausstrahlung.
Erzählt das Museum hier von einer aus dem Stadtbild getilgten Vergangenheit oder existiert es
noch als lebendige Gegenwart? Im Museum waren wenige Informationen zu gewinnen. Mo Diener
entschloss sich, das Kleid mit Hilfe einer Postkarte zu rekonstruieren und fand Unterstützung bei
einer einheimischen Schneiderin. Das Kleid besteht aus anliegendem Rock, einer unter den Armen
geknoteten "Schürze", einem Schulter- und einem um den Kopf zu schlingenden weissen Tuch.
Seine Keuschheit, die plissierten Falten an der Hüfte, das schürzenähnliche Oberkleid muten
europäisch an - hat es koloniale Wurzeln?

Mo Diener interessiert sich für gegenläufige Gesten der Aneignung, für den nonverbalen Austausch
über kulturelle und soziale Grenzen, für gegenseitige Anverwandlungen. Sie sucht Schnittstellen auf,
wo Codes sich vermischen und Identitäten sich neu formulieren, wo gesellschaftlicher Wandel greifbar
wird. Schon ihr Wunsch, das Schneidern, die Einkleidung, vor allem dann aber die Aktion vor Ort löste
vielfältige Reaktionen aus: Aber in diesem Kleid müsstest du tanzen und singen, etwas von Bedeutung
tun! Wir tragen es, wenn etwas Wichtiges gelingen soll, wenn Mut von Nöten ist. Das Kleid ist ein
wirkungsmächtiges Zeichen: Es verwandelt die Trägerin in eine Schöne und Starke. Früher wurde es
getragen in religiösem Zusammenhang, wenn ein Sangoma - ein Schamane - das Dorf besuchte.

Für ihre Aktion wählte sie den Hauptbahnhof von Capetown, die Schnittstelle von Stadt und Townships.
Die letzten Züge verlassen die Stadt hier noch immer am frühen Abend, um die sozial Benachteiligten
aus der Innenstadt zu vertreiben. Ein Ort, der nur selten von Weissen benutzt wird. Die Performerin
folgt in ihrem Gang den Verkehrsadern und Bahnsteigen. Dabei schreitet sie ruhig mit dem Rücken
voran den Passant/innen entgegen. Es ist eine kleine Irritation, die vor allem im verkehrt und leicht
verlangsamt abgespulten Videoband viel bewirkt: Die Menschen eilen nun rückwärts an der weissen
Frau im altertümlichen Kostüm vorbei, manche wenden sich nach ihr um, als würden sie ihre Präsenz
im Rücken voraus ahnen. Sie schreitet leichtfüssig voran wie ein leise leuchtender Geist. Und doch ist
sie ganz unpathetisch Teil einer gegenwärtigen Welt von Baseballmützen, Ausfallstrassen, Lichtsignalen.

Die Tonspur wurde von Serguei Nikokochev, der auch die Kamera führte, auf einer Vargan (der sibirischen
Maultrommel) live eingespielt: ein entspannter, schier unendlich vibrierender Rhythmus, der stark erinnert
an das traditionelle südafrikanische Saiteninstrument, es aber doch nicht ist. Bemächtigt sich da wiederum
eine Europäerin unrechtmässig afrikanischer Traditionen? Unter den einheimischen Kunstschaffenden war
die Arbeit zunächst umstritten. Bereits hatte ein weisser südafrikanischer Künstler ein Konzept erarbeitet,
in dem er sich als Nachvollzug schwarzer Bräuche beschneiden liess und dann seine Vorhaut stückchenweise
via Internet verkaufte. Und schliesslich ist es eine Tatsache, dass die wenigsten sich heute ein solches Kleid
leisten könnten... Mo Diener setzt komplexe Zeichen, deren Wirkung sie im Voraus wenig abschätzen kann,
und überschreitet damit unsichtbare Grenzen. Der Titel des Video - "Light Steps - bezeichnet die Haltung
dieser Annäherung: Leicht bedeutet auch einfach, leichtfüssig statt bedeutungsschwer, und zugleich sachte
berührend wie in "light touch". Ihre Anleihe versteht sich als eine Art Tauschangebot. Die würdevolle Einkleidung
ist ein Akt der Selbsterhöhung, eine Aufwertung des Körpers, der nun gerade für die einheimische Bevölkerung
signalisiert: "schöne, starke Frau". Die Künstlerin projiziert sich dabei in die Rolle einer fiktiven "Ahnin", deren
Ankunft all die westlich gekleideten Pendler/innen in die Vergangenheit zu saugen scheint. Und zugleich
verzichtet sie auf den ihr fraglos zugestandenen Status als "reiche weisse Touristin", eine "Erniedrigung",
deren Wirkung sich nicht abschätzen lässt: Exponiert und auf neue Weise sichtbar geworden, betritt sie
vages Terrain. Das soziale Gefälle wird schwankend, für Augenblicke scheinbar aufgehoben - und es gelingt
eine mehrdeutige Berührung der Kulturen, die alte Codes nicht bestätigt. Mo Diener geht in ihrer Arbeit immer
einem Interesse nach, stellt offene Fragen und sucht sich und ihre Umgebung in Situationen zu versetzen mit
unvorhersehbarem Ausgang. "Ich versuche für blinde Flecken das richtige Binokel zu finden - eigentlich suche
ich bei jedem Projekt nach einer geeigneten Sehhilfe, mit der ich beim Ertasten des Terrains Verborgenes
entdecken kann, das als Bindeglied Zusammenhänge offenlegt - mir geht es in meiner Arbeit um das
Ermöglichen einer geschärften Sichtweise - es ist eine dringende drängende Neugierde, die antreibt zu
finden..."

Das Forschende verbindet die Aktion in Capetown zum Beispiel mit ihrer letzten Performance "Tell Mo about it",
einer kleinen Untersuchung zum Thema Heldenmut. Dort bereitete sie die Frage nach Zivilcourage und Selbstlob
im Alltag in Gesprächen mit Bekannten vor, deren Protokolle und die Beteiligung des Live-Publikums dann
Material der Performance wurden. Ein anderes wiederkehrendes Motiv ist ihr Innehalten im Strom. Für die
Performance "Interface" setzte sie sich über eine Woche lang jeweils für eine Stunde in die Zürcher Bahnhofshalle.
An der Aufführung projizierte sie live die da protokollierten Beobachtungen in den schwarzen Theaterraum, während
sie selbst sich stumm in den Fluss der Worte stellte und einfach Präsenz behauptete im Rauschen von Vorstellung
und Erinnerung. "Ich kann erst dann sehen, wenn ich nicht mitlaufe."

Annina Zimmermann, Januar 2003

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